IN DER KURVE A/2014

IN DER KURVE A/2014
Trailer OV mit dt. UT, 120 Minuten
Autoren: Timothy McLeish | Gabriele Hochleitner
Filmemacherin Gabriele Hochleitner
in Kooperation mit:
Haus der Geschichte Österreich
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes.
https://www.hdgoe.at/in-der-kurve
https://vimeo.com/342700835

auf den tag genau 70 jahre nach dem “sturm” der nazis auf die kleine salzburger gemeinde goldegg, bei der ca. 1000 nazi-soldaten jagd auf wehrmachtsdeserteure machten, hatte der film “in der kurve” von gabriele hochleitner am 2.juli seine uraufführung in goldegg und zwei tage später im “das kino” in salzburg die zweite premiere.
peter hochleitner hat ein dringendes anliegen. es treibt ihn, er will etwas berichtigen, für sich, für seine familie, für seine nachkommen und für alle, die nicht wegschauen wollen. das gedenk-marterl für seine von naziverbrechern ermordeten brüder fordert bisher schlicht “zum gedenken” an simon und alois auf, als wären diese an jener stelle “einfach verstorben”. das will und kann peter hochleitner so nicht stehen lassen. er will den gedenkstein renovieren lassen und mit einem neuen text versehen, der klar benennt, dass die brüder “von der gestapo meuchlings ermordet” wurden.
seine tochter gabriele hochleitner erkennt die chance, die vorbereitungen, die renovierung des steines, das freilegen des tatortes “in der kurve”, an dem bäume inzwischen wie das sprichwörtliche gras über das geschehen gewachsen waren, und später die errichtung des neugestalteten steines zum leitmotiv durch einen sehr vertraulichen film zu machen, in dem alle noch lebenden geschwister hochleitner, die damals die ermordung der beiden brüder miterleben mussten, zu ihren erinnerungen befragt werden.
es entsteht ein unglaublich dichtes und intimes bild, das erleben lässt, wie stark die geschehnisse vor 70 jahren noch immer in den seelen der erzählenden wühlen, wie sehr sie trotz aller überlebensstrategien und wohl auch unfreiwilliger sprachlosigkeit immer noch verletzt und betroffen von den ereignissen sind. der film ist den subjektiven stimmungen und wahrnehmungen der erzählerInnen verpflichtet und wird gerade deswegen zu einem starken statement. die urpersönlichen betroffenheiten sind es, die ansprechen und spüren lassen, dass solche geschichten uns alle betreffen.


so wie die erzählenden durch die einfühlsame art von gabriele hochleitner völlig die kamera vergessen, sondern immer wieder familiär ihre nichte “gabi” ansprechen, so machen die szenen vergessen, dass wir im kino sitzen. hier begegnet uns eine familie, die durch ihre offenheit und ihr hadern mit dem schicksal uns alle mitschwingen, mittrauern, mitweinen lässt. keine emotion wird ausgespart, keine political correctness verschweigt die rachegefühle, die wut und die ohnmacht, die jedeN einzelneN dieser familie auf unterschiedliche weise erschüttert haben muss. auch verweigert die filmemacherin jede sensationsmache oder überhöhung. ihr gelingt eine achtsamkeit, die wohl die basis für jene geborgenheit der gesprächspartnerInnen war, um sich wirklich zu öffnen. das braucht zeit, das braucht geduld und schutz. niemals wird eine emotion blossgestellt oder voyeuristisch ans licht gezerrt. es gibt momente des atemanhaltens, aber auch zum durchatmen.
die filmemacherin veranstaltet weder eine zweistunden-therapie noch blossen geschichtsunterricht. sie zeigt die einmalige chance, die eine familie aus anlass der initiative eines der ihren ergreift, vieles von dem jahrzehntelang kaum ausgesprochenen endlich los zu werden, mitzuteilen und mit der identität neu zu verknüpfen. gerade die uneindeutigkeit wird zur grossen stärke, jede einzelne schilderung hat ihre ganz eigene blickrichtung und ihre emotionen. die hochleitners erzählen nicht eine uniforme geschichte, sondern den konglomerat aus hilflosigkeit, verzweiflung, trauer und mitunter durchaus unterschiedlichen einschätzungen des geschehenen.
gabriele hochleitner widmet diesen film ihrem cousin erwin, dem sohn ihrer tante elisabeth hochleitnerund des deserteurs karl rupitsch, nach dem die naziverbrecher am hof der hochleitners so brutal gesucht hatten. erwin war noch ein baby, als die nazis seine familie zerrissen. mit 18 jahren nahm er sich schliesslich das leben.


wir alle können von der familie hochleitner lernen. in uns allen stecken solche verdeckten, verschwiegenen und unaufgearbeiteten lebensthemen. als peter hochleitner bedauert, nicht früher das schweigen und die sprachlosigkeit durchbrochen zu haben und zb. mit seiner schwester elisabeth über die schrecklichen erlebnisse und ihr überleben im kz ravensbrück, die ermordung ihres geliebten und vater ihres kinders im kz mauthausen oder über den selbstmord ihres sohnes gesprochen zu haben, spricht er beinahe beiläufig einen kernsatz des filmes aus: über alles – auch über schuldgefühle – zu sprechen “hätte zwar nichts geändert, aber es hätte uns weitergebracht.”
damit bringt peter hochleitner auf den punkt, worum es nicht nur in diesem fall, sondern auch in so vielen anderen fällen schrecklicher, nicht mehr zu ändernder vergangenheiten geht: wenn wir uns weiterbringen wollen, also das schreckliche überwinden und bewusst weiter leben wollen, müssen wir uns öffnen. dass das gar nicht so einfach ist, auch das zeigen die hochleitners. aber sie haben die chance genutzt, die wir alle ergreifen können: sprachlosigkeit überwinden.

IDK Bernhard blog text Kopie

Vrääth Öhner zu ‘In der Kurve’
Was ich sehr gelungen finde, ist die Art und Weise, wie ihr das Thema angeht – den Verlust, den die Familie erleiden musste, der trotz seiner Gewöhnlichkeit (ich will den Verlust nicht kleinreden, nehme aber an, dass es viele ähnliche Schicksale gab) viel über die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft erzählt, sie auf geradezu unheimliche Weise wieder auferstehen lässt.
Die Idee, den Gedenkstein als Rahmen der Erzählung einzusetzen, ist in diesem Zusammenhang genial: Das öffentliche Andenken vermischt sich mit dem familiären, die individuelle, partikulare Geschichte mit der allgemeinen. Das Vorhaben der Oral History, die stets darauf aus war, die kleinen Details der großen Geschichte zu tradieren, um sie der Erfahrung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, findet sich in eurem Film wieder,
allerdings ohne den entscheidenden Nachteil, dass die Leute dabei nur zu den historisch relevanten Ereignissen befragt werden, nicht zu ihrem Leben davor und danach. Bei euch sieht man sie, wie sie einer Tätigkeit nachgehen, wie sie in die Landschaft des Ereignisses und in die Zeit der Geschichte und des Gedenkens eingebunden sind. Zugleich verleiht das
verwandtschaftliche Verhältnis der Kamera bzw. der filmischen Erzählung den Äußerungen der Menschen im Film ein besonderes Gewicht, eine emotionale Tiefe, ohne den Fall als besonders spektakulär schildern zu müssen. Wie nebenbei erfährt man so auch, dass eine Geschichte, die 68 Jahre zurückliegt und über die die längste Zeit über wohl geschwiegen
wurde, präsent ist wie am ersten Tag. Ich denke, dass diese Präsenz einzufangen bzw. ihr bei der filmischen Konstruktion zu folgen, zu den großen Leistungen des Films zählt.
Kurz: Ich bin sehr beeindruckt von Eurem großen kleinen Film.

(Vrääth Öhner, Kolik)

Brief aus Amerika

Ich liebe Deinen Film In der Kurve. Ich liebte den Fokus auf die Entstehung des Gedenksteines während die Geschichte durch Familien-Erinnerungen erzählt wird, im Dialekt, gemischt mit einigen wenigen Bildern aus der Vergangenheit. Durch die Verwendung einer einzigen Erzählstimme, wird es dem Betrachter ermöglicht, das Geschehene von damals und heute zusammenzusetzen. Umwerfend fand ich den Moment, als Dein Vater seine Sonnenbrille abnahm, um sich die Tränen abzuwischen.
In der Kurve erinnert mich an viele Filme, wie ich sie auf jüdischen Filmfestivals gesehen habe. Fast die einzigen Orte, an denen man solche Dokumentarfilme in den USA sehen kann, allerdings nur aus einer Sicht. Wäre Deine Familie jüdisch gewesen, hätte dieser Film sicherlich die Runde dieser Festivals gemacht. Aber Österreicher und ihr Leiden als so-genannte Täter im 2.Weltkrieg sind zu mittelmäßig, um ihre Filme auf die Leinwand in den USA zu bringen, nur den Opfern ( hauptsächlich Juden) wird dies zugestanden.
Ich bin kein visueller Mensch, sondern auditiv, deshalb schätze ich die Musik von Eurem Freund sehr, und wie Ihr sie so sparsam verwendet.
Ich liebe besonders die letzte Einstellung, weil Du Deine kleine Tochter in den Film bringst: unauffällig aber spürbar, voller Hoffnung.
Hut ab.
(Renee Chinquapin, Portland)

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