Friedrich Achleitner RIP

Die Secession trauert um Friedrich Achleitner

1930 – 27.3.2019

foto: corn
Friedrich Achleitner verband die Ansprüche der Moderne mit hohem pädagogischen Anspruch und einem verbindlichen Wesen: Er dichtete u. a. dialektal. Nur selbst gebaut hat er nie. Er wurde 88 Jahre alt.

Friedrich Achleitner, seit 2008 Ehrenmitglied der Secession, ist heute in Wien gestorben.
Anbei sende ich Ihnen die Laudatio von Adolf Krischanitz, die dieser anlässlich der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Secession an Friedrich Achleitner gehalten hat.

Laudatio auf Friedrich Achleitner
Adolf Krischanitz, 2.12. 2008

Friedrich Achleitner oder Das Werk als Differenz
„Deine Tätigkeit als Literat ist (als jemand der eben Literatur macht, wenn man von diversen Unterbrechungen absieht) klar zu umreißen, wie jedoch würdest Du Deine Tätigkeit innerhalb und um die Architektur bezeichnen?“, habe ich Dich anlässlich der Vorbereitung zu dieser Laudatio gefragt. Du hast mich kurzerhand auf einen Text verwiesen, den Du als Dankesrede anlässlich des Erich Schelling-Preises verfasst hast. Du schriebst: „Ich möchte Sie nicht erschrecken, schon gar nicht im Nachhinein die Jury verunsichern, aber ich habe mich nie als Architekturtheoretiker verstanden, wenn auch meine akademische Arbeit das vermuten ließe. Ich komme aus einer sprachskeptischen Kultur und das schließt die Ablehnung von großen theoretischen Gebäuden von scheinbar ‚perfekten Systemen‘ mit ein. Schuld daran tragen in Wien, wie sollte es anders sein, natürlich die Habsburger, die die harmlosen Künste wie Musik und Architektur zur Selbstdarstellung ihrer Kultur verführt, und Philosophie und Literatur eher
behindert, wenn nicht verboten haben. So konnten sich Leute wie Johann Nestroy, Karl Kraus oder Ludwig Wittgenstein, ja auch ein Architekt namens Adolf Loos an die Arbeit machen, die Sprache als ein subversives Element zu perfektionieren.“ Und weiter schreibst Du: „… Das heißt ihre Instrumentalisierung richtete sich gegen sie selbst und sie wurde durch ihre eigene Wirklichkeit zur Kritik der gesellschaftlichen.“
Bevor wir diese Aussagen jetzt als selbstbeschränkenden Fatalismus zur Kenntnis nehmen, sei gesagt, daß es Friedrich Achleitner absichtlich nicht darum ging, architektonische Dogmen zu verkünden, Wertmaßstäbe anzulegen, Regeln anzuwenden. Wie jeder, der über Architektur schreibt, weiß er um die Gefahr, durch Sprache den beschriebenen Gegenstand zu beschädigen oder gar zum Verschwinden zu bringen. Andererseits kennen wir alle die großartigen Beispiele aus der Literatur, in denen Städte,
Stadtteile, Architekturen beschrieben werden, in voller struktureller Tiefe und Vielfalt, wie wir Architekten es gar nicht vermögen. Man denke nur an Kafka, Musil, Doderer in seiner Strudelhofstiege und Joyce mit seinem Ulysses, ganz zu schweigen von Kubins einzigem Roman „Die andere Seite“.

Achleitner beschäftigt sich in einer „Architektur des 20. Jahrhunderts“ nicht nur mit den architektonischen Highlights, oder zumindest wirken sie als solche aus der jeweiligen Zeit heraus nur in beding dominanter Weise. Bei aller Differenzierung und konsequenter Auswahl geht es in diesem Werk um eine Architekturmasse, in der jedes Gebäude zwar sicher das Gütesiegel der Architektur verdient, aber in der Abfolge das Eitel-Subjektive jeder architektonischen Äußerung zur einzelnen Maßnahme unter vielen
schrumpft. Dieser Kondensationsvorgang macht jedoch anderes sichtbar. Es zeigen sich Tendenzen, Moden, Individuelles und Kollektives, regionale Unterschiede, kulturelle Transfers über Raum und Zeit.
Die vielen alltagssinnlichen Ambitionen werden zur ewigkeitssinnlichen Voraussetzung für das Andere, das differente Sehen. Die Felder „ohne Eigenschaften“ mit meistens zu vielen Eigenschaften sind nun
nicht verschwunden, sie bilden den durchaus fruchtbaren realistischen Hintergrund für eine sich davor abzeichnenden Differenz. Das scheinbar Nebensächliche beginnt neben dem Hauptsächlichen zu leben
und ist in der Distanz plötzlich präsenter.

Friedrich Achleitners „Architektur des 20. Jahrhunderts“ erhebt also einen anderen Anspruch und ist als Kommentar zur Stadt-Land-Architektur-Masse ein enzyklopädisches Werk von höchster literarischer
Qualität und von größtmöglichem kulturhistorischem Wert. Es ist eine Art „Vermessung“ der architektonischen Welt, „die nicht nur vom Schreibtisch zu bewältigen ist, sondern eine mehrfache Begehung und Besehung jedes einzelnen architektonischen Objektes in allen denkbaren Landschaften
Österreichs verlangte.“ Achleitner fand hier eine Werkform von der fotografischen bis hin zur literarischen Referenz und gemeinsam mit Walter Pichler zur bibliografischen Gestaltung. Dies geht weit über die
obligatorische Text-Bildbearbeitung hinaus zu einem Werk der Kultur in situ und in toto. (Vor Ort und im Ganzen) Sein Studium der Architektur, seine nachhaltige und dramatische Abwendung vom bauenden Architekten zum Architekturkritiker, sein Literatendasein, seine heftigen Freundschaften mit den übrigen Mitgliedern der Wiener Gruppe (H.C. Artmann, Konrad Bayer, Gerhard Rühm, Ossi Wiener) und mit unzähligen anderen Kulturschaffenden sowie der Gruppe 4 (Holzbauer, Kurrent, Spalt und Leitner), Georg Gsteu und
vielen anderen, sein Respekt vor der Arbeit anderer, seine durchgängige oberste Flughöhe und sein fast masochistisches Verhältnis zur Unablässigkeit, auch als Hochschullehrer, sind nur bedingt in der Lage,
diese anstrengenden Arbeitstrecken zu erklären.

Unterhaltung und Langeweile
Am 20. Juni 1957 trat die Wiener Gruppe zum ersten und einzigen Mal vollzählig – also mit H.C. Artmann –, noch dazu in Gerhard Bronners Intimen Theater in der Liliengasse, heute „Theater im Zentrum“, auf.
1958 zog sich Artmann („med ana schwoazzn dintn“) aus dem Gruppengeschehen zurück.

Dezember 1958: erstes literarisches cabaret („Alte Welt“).
Wiener konstatierte, man wollte auch „potentiellen Besuchern ein Gefühl von Qualtinger geben“. Von den übrigen Kabarettisten musste man sich abgrenzen, denn laut Wiener wurden sie als mäßig originelle
Truppen für Unterhaltung eines mäßig anspruchsvollen Publikums gesehen. Aber eine gewisse Referenz gegenüber dem „literarischen cabaret“ der Dadaisten in Zürich wird von Ossi Wiener doch zugestanden.

literarisches cabaret (600 Personen!): vier Monate später, 1959 (im Porr Haus). Das Programm sah eine Reihe von Höhepunkten vor: Vom ersten Geruchs-Chanson-Karbol bis zum Auftreten der Polizei (diese war durchaus als willkommener Widerpart dabei). Der von der Polizei gewünschte Abbruch wurde durch andauernde Improvisation und Programmänderung verhindert. Zumindest Vorformen der Aktion und des Happenings wurden dabei erfunden. Wesentlich war die Aufhebung der Grenzen zwischen den Genres. Es gab nonverbale Programmpunkte, verbale und/oder musikalische. Achleitner bekommt den Kopf rasiert, Bayer führt
artistisches Rülpsen vor, Gerhard Rühm pflegt das Chanson. Die szenische Präsentation der eigenen literarischen Texte (Achleitner als Biertrinker). Zur weiteren Abfolge Wiener: „Achi warf im Hintergrund des Saales seinen Motorroller an und fuhr mit Rühm auf dem Rücksitz durch den Mittelgang zur Bühne vor, sie legten Fechtmasken an und zertrümmerten den Flügel mit Beilen (im philharmonischen Wien eine veritable Tabuverletzung). Passagen der Langeweile mit Kalauern und Witzen ohne Pointen (Gerhard
Rühm) dazwischen sollten das Publikum herausfordern, dieses reagierte jedoch scheinbar mit erheblichem Langmut.
Prosa, eine Selbsterklärung
Kapfenberger Kulturtage (Die Technik als Erlebnis der modernen Kunst):
Es sollte nicht über Technik gesprochen werden, sondern das von der Technik geschaffene Vorhaben selbst als Material (Werkstoff) der Dichtung verwendet werden, ist doch auch der technische Sprachbereich eine Realität, mit der Jeder mehr oder weniger in Berührung kommt.
Wo die Technik nicht neue Begriffe schafft, kombiniert sie bestehende Wörter, die dabei oft aus ihren ursprünglichen sprachlichen Zusammenhang gerissen und damit verfremdet werden, indem sie eine
andere Bedeutung erhalten. z.B. Farbflotten, Radsterne, Nadelschlösser, Bohrkrone, Ruderkopf und Kropfachse Die technische Sprache erzeugt eine Situation, die für den mit ihr weniger Vertrauten überraschende
Assoziationen zum normalen Sprachgebrauch hervorruft. Es ist also evident, dass eine Dichtung die Spannung zwischen den verschiedenen Bedeutungsebenen auf wirkungsvolle Weise nützen kann.

Wie konkret kann Poesie sein.

Konkrete Architektur wäre die Architektonisierung der Architektur, sie wäre vorsprachlich, also prämetaphorisch, wie die konkrete Malerei, sie zeigt sich selbst, sie imaginiert ausschließlich das Malen,

nicht einmal die Idee von Malerei, sie ist nicht Konzept, nicht das Prinzip; die Malerei ist eben in der konkreten Malerei nur Malerei und sonst nichts. Auch die andere Malerei, die nicht konkrete ist irgendwie konkret, sowie jede Kunst, auch die naturalistischste, abstrakt ist. Achleitner arbeitet mit Texten, Sätzen, Worten via Buchstaben. In seinen Textarbeiten ist mir aufgefallen, wie monumental ein einzelner Buchstabe ist. Das O zum Beispiel. Der Buchstabe gräbt sich über die Schreibmaschinentype ins Papier, er oder es ringt nach Bedeutung, doch er (es) ist nur ein schwarzer Kreisring. Die Abfolge vieler Kreisringe oder Os sind Schrift, Text? Ein Ornament? Ein Muster? Auf der Suche nach dem Sinn verschwinden sie plötzlich. Sie verschwinden zugunsten des Sinns, oder Unsinns, oder Nichtsinns. Dialektgedichte sind für den Leser bewusst vorläufig-abstrakt, gesetzte Buchstaben, Worte denen man mangels Lesetraining zumindest in meinem Fall nur buchstabierend auf die Sprünge kommt, schließlich
auf den Sinn kommt, der Kopf füllt sich mit Sinn, auch mit dem Erkennen des Unsinns, oder Sinnlosen entsteht Sinn, manchmal vielleicht gerade dadurch.

Schlussfolgerung
Sowohl die Literatur wie auch die Architektur sind als klassische Macht- und Verschleierungsinstrumente missbraucht worden. Wie du das als Kind, lieber Fritz, hautnah noch erlebt hast. Später hast du all „Kulturtechniker“ Grenzen überschritten. Am Anfang ist das reine Herz, der Buchstabe, das Wort, der Satz, der Text, das Gewöhnliche, das Unverdächtige.
Dann kommt die Differenz, der Einschnitt in den Formprozess, der alles Weitere zu regulieren beginnt, und zwar als Akt, welcher das Wahrnehmbare strukturiert und zugleich als Kunstgriff eine Differenz in die Welt setzt, jene zwischen Information und Botschaft. Die Differenz kann, einmal als Kunst notiert, nicht verschwinden, sie wird zur Selbstvergewisserung, zur Selbstbehauptung.
Es geht nicht nur um die Differenz im Werk, es geht in der Avantgarde. Ich rechne Deiner Arbeit vielleicht zu einer der letztmöglichen Avantgarden um das ganze Werk als Differenz.

Adolf Krischanitz

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Vereinigung bildender KünstlerInnen Wiener Secession
Friedrichstraße 12, A-1010 Wien
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