christian-kosmas-mayer

mumok
museum moderner kunst stiftung ludwig wien
Christian Kosmas Mayer
Aeviternity
Pressekonferenz:
Donnerstag, 21. Februar 2019 | 10 Uhr
Eröffnung: Freitag, 22. Februar 2019 | 19 Uhr
Zur Ausstellung:
Rainer Fuchs Kurator, mumok
Ausstellung: 23. Februar – 16. Juni 2019
Museumsplatz 1, A-10­70 Wien
https://www.mumok.at/de/christian-kosmas-mayer

Christian Kosmas Mayer Versteinerungsquelle 2018

Christian Kosmas Mayer
Aeviternity

23. Februar – 16. Juni 2019
Christian Kosmas Mayers installative und medienübergreifende Arbeiten basieren auf eingehenden historischen und zeitgeschichtlichen Recherchen. Diese dienen einer Neubewertung von Geschichte und Gegenwart, indem sie Evolutionäres und Naturhaftes in einen kulturgeschichtlichen und wissenschaftlichen Bezug stellen. Zentrale Bedeutung in seiner Arbeit besitzt die Auseinandersetzung mit Fragen des Archivierens und Konservierens als geschichtlichem, gegenwartsbestimmendem und zukunftsweisendem Handeln.

Ein Ausgangspunkt fur die Konzeption der Ausstellung ist die Architektur des mumok mit ihrer an einen dunklen Felsen oder ein Bergwerk erinnernden Charakteristik, die in der Ausstellung immer wieder anklingt. Augenscheinlich wird dies etwa bei der von Mayer aufgegriffenen wahren Geschichte eines jungen Bergmanns aus Falun (Schweden), der 1670 bei einem Minenunglück verschuttet und dessen Leichnam 1719 in nahezu perfekt konserviertem Zustand wiederaufgefunden wurde. Durch Vitriolwasser all die Jahre vom Zerfall bewahrt, härtete der Leichnam an der Oberfläche in kurzer Zeit aus, als wäre er aus Stein. Eine alte, am Ende ihres Lebens stehende Frau erkannte den versteinerten Unbekannten schließlich als ihren verschollenen Verlobten wieder. Diese Geschichte sprach besonders die Autoren der deutschen Romantik an, die aus ihr eine der bekanntesten Erzählungen ihrer Zeit machten (unter anderem von ETA Hoffmann, Achim v. Arnim, Johann Peter Hebel und Hugo von Hofmannsthal).

Christian Kosmas Mayer Silene 2018

Versteinerung tritt hier als transformatorischer Prozess in Erscheinung, durch den lebendige Materie scheinbar Vergänglichkeit und Vergessen überwindet, paradoxerweise aber um den Preis des Lebens. Seit Urzeiten ist der Mensch von diesem Prozess fasziniert, weshalb auch sogenannte Versteinerungsquellen Orte mit großer Anziehungskraft wurden. Das natürliche Phänomen der Versinterung durch extrem mineralienhaltiges Wasser wurde hier benutzt, um Alltagsobjekte uber Monate oder Jahre hinweg zu versteinern. Die Quellen galten zunächst als magische und verhexte Orte, lösten verschiedenste abergläubische Assoziationen aus und wurden später zu den weltweit ersten Touristenattraktionen für ein sensationsgieriges Publikum im viktorianischen England. Für seine Ausstellung wird Mayer eine kunstliche Versteinerungsquelle im mumok installieren, die eine Reihe an Objekten uber die Ausstellungsdauer hinweg mit einer Steinschicht überziehen wird. Ob die darunterliegenden Objekte dadurch dem Vergessen zugeführt oder doch eher konserviert werden, um von den Archäolog_innen der Zukunft einmal wiederentdeckt werden zu können, wird hier bewusst offengelassen.

2012 fanden russische Wissenschaftler in Sibirien in 40 Metern Tiefe die Samen einer Pflanze, die vor ca. 32.000 Jahren von einem arktischen Eichhörnchen in seinem Erdbau gehortet wurden und seitdem im Permafrostboden uberdauerten. Im Labor gelang es, aus der Plazenta des Samens eine Pflanze wachsen zu lassen. Da sich die heutzutage in der Arktis lebenden Nachfahren dieser Pflanze evolutionär verändert haben, hat man es hier – dem Film Jurassic Park nicht unähnlich – mit der Wiederbelebung eines bereits verloren geglaubten Stucks Eiszeit zu tun. Mayer ist es gelungen diese Pflanze, die nie zuvor das Labor in Moskau verlassen durfte, als lebendigen Teil in seine Ausstellung zu integrieren. In Zeiten des aufgrund der Klimaveränderung
langsam auftauenden Permafrostbodens erscheint sie hier auch als Vorbote zukunftiger Wiederbelebungen, deren Auswirkungen noch völlig unbekannt sind.

Zwischen Natur, Kultur und Wissenschaft entwirft die Ausstellung somit eine dichte Erzählung, die sowohl von der Wandlungsfähigkeit der Dinge in der Zeit, wie auch von der Bruchigkeit unserer Vorstellungen von dieser Welt handeln. Die in der Ausstellung versammelten Objekte und Bilder sind dabei Zeugen eines in Erstarrung verharrenden Zeitflusses, in dem sich die meist schematisch voneinander abgetrennten Vorstellungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, von Vorher und Nachher, von Leben und Tod verflussigen. Dass wir dabei sind, Grenzen auszutesten, die fruher nur imaginiert werden konnten, erweist sich nicht nur als Zeichen des Fortschritts, der Verbesserung und der Vergewisserung, sondern ebenso als Potenzial fur neue Bruche und Ungewissheiten.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog in Deutsch und Englisch mit einem Vorwort von Karola Kraus und Rainer Fuchs sowie Essays von Jenni Nachtigall und Daniel Muzyzcuk.

Kuratiert von Rainer Fuchs

Christian Kosmas Mayer (geb. 1976 in Sigmaringen, D) lebt und arbeitet in Wien.
Mayer studierte an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrucken, an der Akademie der bildenden Künste Wien, sowie an der Glasgow School of Art. Er arbeitet in unterschiedlichen Medien wie Fotografie, Skulptur, Installations- und Videokunst.
Mayer ist seit den 1990er-Jahren auch als Musiker in verschiedenen Bands
aktiv, unter anderem Dreams in Chaos und aktuell Essachai Vow.

http://christiankosmasmayer.tumblr.com/

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mumok
museum moderner kunst stiftung ludwig wien
Pattern and Decoration. Ornament als Versprechen
Pressekonferenz:
Donnerstag, 21. Februar 2019 | 10 Uhr
Eröffnung: Freitag, 22. Februar 2019 | 19 Uhr
Karola Kraus Generaldirektorin, mumok
Kunstler_innen:
Brad Davis, Frank Faulkner, Tina Girouard, Valerie Jaudon, Joyce Kozloff, Robert Kushner, Thomas Lanigan-Schmidt, Kim MacConnel,
Miriam Schapiro, Kendall Shaw, Ned Smyth, Robert R. Zakanitch und Joe Zucker
Kuratiert von Manuela Ammer, mumok
Ausstellung: 23. Februar – 8. September 2019
Museumsplatz 1, A-10­70 Wien
https://www.mumok.at/de/pattern-and-decoration

Miriam Schapiro Dormer 1979

Pattern and DecorationOrnament als Versprechen Ornament als Versprechen. So könnte das Motto der US-amerikanischen BewegungPattern and Decoration lauten, die sich Mitte der 1970er-Jahre formierte. In Abwandlung der bekannten Maxime von Adolf Loos – „Ornament und Verbrechen“ – führt dieAusstellung die reichen Bestände des Sammlerpaares Peter und Irene Ludwig zurgrößten Präsentation von Pattern and Decoration im deutschsprachigen Raum seitden 1980er-Jahren zusammen. Mit orientalisch anmutenden Mosaiken, monumentalen Textilcollagen, Malereien, Installationen und Performances verfolgten feministischengagierte Künstler_innen wie Miriam Schapiro, Joyce Kozloff, Valerie Jaudon oder Robert Kushner in den 1970er-Jahren das Ziel, Farbe, Formenvielfalt und Emotion indie Kunst zurückzuholen. Das Dekorative und ihm nahe kunsthandwerkliche Techniken spielten dabei eine große Rolle: Unterschiedliche ornamentale Traditionen – vonder islamischen über die nordamerikanisch-indianische bis zur Art déco – fanden Eingang in die Werke und öffneten den Blick über den geografischen und historischen Tellerrand hinaus. Die Nähe zu Folklore und Kitsch wurde dabei nicht nur in Kaufgenommen, sondern als Gegenentwurf zum „Purismus“ der Kunst der 1960er-Jahreausdrücklich gesucht.

Pattern and Decoration lässt sich als paradigmatische Kunstströmung der1970er-Jahre beschreiben, jenes schwer zu fassenden Jahrzehnts der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüche, in dem die sozialen und politischen Utopiender 1960er-Jahre auf erste Vorboten eines aufkeimenden Neoliberalismus trafen.Als „promisk“ kritisierte der amerikanische Kunsthistoriker Hal Foster die Kunst jenerDekade in seinem Artikel The Problem of Pluralism (Das Problem des Pluralismus,1982). Nach den „puren“ Bestrebungen der 1960er-Jahre, allen voran der Minimal Art, mangle es der Kunst der 1970er-Jahre sowohl an Stil als auch an kritischemBewusstsein.

Brad Davis Night cry 1979

Pattern and Decoration allerdings war aus Überzeugung „promisk“: „Wir weigertenuns, Kunstformen einer Hierarchie zu unterwerfen“, so beispielsweise Joyce Kozloff.„Für uns gab es weder Grenzen zwischen den Kunstformen der Welt noch ‚High‘ oder‚Low Art‘.“ Und Robert Kushner: „Wir wollten das Spektrum dessen, was im offiziellenKunstlexikon zugelassen war, erweitern. Textilien, großartig. Quilts – ja. Keramik –aber sicher. Teppiche – warum nicht. Wir schauten uns all diese Objekte im Hinblickauf ihren ästhetischen Wert und ihre reichen visuellen Vorzüge an und wollten, dassandere sie auch als Kunst wahrnahmen.“ Und schließlich Robert Zakanitch: „Diestrikten Parameter der Moderne verloren ihre Bedeutung, und jenseits davon gab esprächtige Dinge zu erfühlen und zu malen – feine Muster, Ornamente, Designs ausallen Kulturen der Welt, Volkskunst – Dinge und Themen, die als zu feminin erachtetworden waren und daher als trivial galten.“

Geboren aus Diskussionen von miteinander befreundeten und bekannten Kunstlerinnen sowie der Kritikerin Amy Goldin, stellt Pattern and Decoration die vielleicht letzte Kunstbewegung des 20. Jahrhunderts dar – und zugleich die erste, die uber die Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten dekorativen Traditionen eine tatsächlich
globale Perspektive verfolgte. Die egalitären, kollektiven und lebenspraktischen Dimensionen, die Goldin als Eigenschaften des Dekorativen definierte, stehen dabei stellvertretend fur das Programm von Pattern and Decoration: nämlich, was konventionell als „nieder“ eingestuft wurde – die Kunst von Frauen, Kunsthandwerk, Volkskunst und so weiter –, möglichst laut zu feiern.

Der österreichische Architekt Adolf Loos (1870–1933) kriminalisierte das Dekor in seiner beruhmt- beruchtigten Streitschrift Ornament und Verbrechen, die 1908 in Reaktion auf den Wiener Jugendstil entstand. Seine Abwesenheit sei Indikator einer hohen Kulturentwicklung; seine Fertigung ein „Verbrechen an der Volkswirtschaft“. Ornament als Versprechen, der Untertitel der Ausstellung, verkehrt die Loos’sche Polemik im Sinne der Anliegen von Pattern and Decoration: Tritt die eine Position in
unverkennbar misogynem und kolonialistischem Tonfall für eine „High Art“ ein, so wird auf der anderen Seite nach Alternativen zu den Werten der westlichen Industriestaaten gesucht – nach anderen Geschlechterverhältnissen und kulturellen Identitäten und, nicht zuletzt, nach einem neuen Kunstbegriff.

Joyce Kozloff Tuts Wallpaper Pilasterpairii 1979

Peter und Irene Ludwig haben den Wert dieser Kunst schon früh erkannt und Pattern and Decoration durch systematische Ankäufe zu einem der Schwerpunkte ihrer Sammlung ausgebaut: Auf ihren Reisen in die USA Ende der 1970er-Jahre erwarben sie rund siebzig Arbeiten, von denen sich heute der Großteil im Ludwig Forum fur Internationale Kunst Aachen und eine ebenfalls umfassende Werkgruppe im mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien befindet. Das in Kooperation realisierte Projekt Pattern and Decoration. Ornament als Versprechen führt die Bestände der beiden Museen erstmals wieder zusammen. Ergänzt durch weitere
internationale Leihgaben bildet die Ausstellung damit die größte Präsentation der Pattern-and-Decoration-Bewegung im deutschsprachigen Raum seit den 1980er-Jahren und ermöglicht, dass diese mehr als vierzig Jahre nach ihrer Grundung einer Neubewertung unterzogen werden kann.

Denn die Fragen, die die Kunstler_innen stellten, erfahren heute, in einer noch viel stärker globalisierten und von Machtasymmetrien gekennzeichneten Welt, eine brisante Aktualisierung. Zu einem Zeitpunkt, da sich Gräben vertiefen und Grenzen schließen, erinnert Pattern and Decoration daran, was es zu gewinnen gilt, wenn die Kanäle offenbleiben.

Das Projekt wurde vom Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen initiiert und in Kooperation mit dem mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien realisiert. Im Anschluss an die beiden Stationen wird die Ausstellung im Ludwig Múzeum – Museum of Contemporary Art, Budapest zu sehen sein.

Kunstler_innen: Brad Davis, Frank Faulkner, Tina Girouard, Valerie Jaudon, Joyce Kozloff, Robert Kushner, Thomas Lanigan-Schmidt, Kim MacConnel, Miriam Schapiro, Kendall Shaw, Ned Smyth, Robert R. Zakanitch und Joe Zucker
Kuratiert von Manuela Ammer


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Entführung aus dem Serail -Maribor

Slovene National Theatre Maribor
Wolfgang Amadeus Mozart
The Abduction from the Seraglio

Ugrabitev iz seraja
Entführung aus dem Serail‘


Režija: Director: Bruno Berger-Gorski
Premiere: Grand Hall
Friday, 15. February 2019 | 19:30 pm
Dirigent: Conductor: Simon Robinson
Martin Sušnik – Andreja Zakonjšek Krt – Petya Ivanova
Nina Dominko – Valentina Čuden – Uroš Dolšek
Tomaž Štular – Alfonz Kodrič – Ivica Knez
17.02.2019 | 17 pm Grand Hall
19.02.2019 | 19:30 Grand Hall
21.02.2019 | 19:30 Grand Hall
23.02.2019 | 19:30 Grand Hall
25.02.2019 | 19:30 Grand Hall
Slovenska ulica 27
2000 Maribor, Slovenia
https://www.sng-mb.si/en/performances-opera-ballet/the-abduction-from-the-seraglio-/

Premiere: 15 February 2019, Grand Hall

Mozart’s music cosmopolitism and creative genius do not reflect just in his swift and at the same time accomplished composing in virtually all music genres of his time, but also in his contribution to establish an opera genre in his native German language – singspiel. Mozart’s propensity for “universal topics” endorsed by the Enlightenment movement has become, along with his insertions of the adopted Turkish music, his trump card in The Abduction from the Seraglio. The work was Mozart’s first completed attempt for the Vienna music stage. Gottlieb Stephanie’s reworking of the Bretzner’s operetta libretto Belmont und Constanze has proven to be somewhat more efficient narrative about the righteous “re-abduction” of the two women (Konstanze and Blonde) who were brought by the pirates to Selim Pasha’s seraglio. Yet, the failed rescue attempt by their fiancés, a nobleman Belmonte and his servant Pedrillo, open a whole new Pandora box of questions in regards to freedom, the “normality” of our social roles, predetermined by gender, and above all, love.

„Die Entführung aus dem Serail“ im Slowenischen Nationaltheater Maribor in einer überraschenden Neu-Deutung : Blondchen und Osmin feiern türkische Verlobung am Filmset in Istanbul .Besuchte Vorstellung am 17. Februar 2019

(zweite Vorstellung) Bericht von Sören Wicking

Nach ihrer kurzfristigen Absage für die Premiere, die in letzter Minute von Petya Ivanova als „Konstanze“ gerettet wurde, hat am Sonntag nachmittag in der gut besuchten Oper von Maribor endlich Andrea Zakonjsek Krt als geprobte „Konstanze“ in der zweiten Vorstellung debütieren dürfen und grossen Applaus geerntet. Die Sopranistin ist seit vielen Jahren festes Ensemble-Mitglied und konnte auch wieder in dieser Partie beweisen, wie technisch sicher sie ihre Stimme beherrscht und die Koloraturen fordernde Partie der „Konstanze“ souverän meistert. Besonders als mit sich selbst hadernde, innerlich zerrissene „Konstanze“ erntete die beliebte Sopranistin Applaus nach ihren Vorzeige-Arien „Kummer herrscht in meinem Herz“ und „Matern aller Arten“.

Bei Bruno Berger-Gorski fungiert „Bassa Selim“ als Regisseur und Hauptdarsteller in einer Person. (Wunderbar textdeutlich und eindringlich im Spiel: Ivica Knez vom Schauspiel-Ensemble Maribor). Die berühmt-berüchtigte „Martern“ –Arie ist wie ein Streitgespräch a la Strindberg inszeniert, bei dem jedem klar wird, dass auch die private „Konstanze“ eigentlich den Darsteller des „Bassa Selim“ am Filmset liebt, aber ihrem Verlobten europäischem Kollegen „Belmonte“ treu bleiben möchte.

Durch den Chefdirigenten und Operndirektor Simon Krecic wird im beschaulichen Maribor ein rein slovenisches Mozart-Ensemble aufgebaut, dass sich nach einer bereits sehr erfolgreichen „Zauberflöte“ vor 4 Jahren wieder hören lassen kann. Alle Darsteller sind hervorragend rollendeckend besetzt und auch das Orchester unter der umsichtigen Leitung von Simon Robinson verzauberte mit einem berührenden Mozartklang im schön renovierten Opernhaus von Maribor. Weitere Vorstellungen werden sogar mit einer slovenischen Zweitbesetzung aufgeführt, bei der junge Sänger aus Lubljana bzw Chor-Solisten eine Chance bekommen.

Noch nie habe ich ein solches Finale in „Die Entführung aus dem Serail“ gesehen wie jetzt in Maribor, wo Regisseur Bruno Berger-Gorski die Handlung als klassische Opern-Verfilmung an einem heutigen Filmset in Istanbul spielen lässt und Bassa Selim als verführerischer Regisseur und Schauspieler auch privat die Darstellerin der „Konstanze“ zu fast hysterischen Ausbrüchen provoziert- ähnlich wie der türkische Darsteller des „Osmin“ das „Blondchen“ verführt und verwirrt. Die Regie konzentriert sich in diesem Konzept auf eine Art psychologische Paar-Analyse : wie bei „Cosi fan tutte“ kämpfen auch in der „Entführung“ beide Frauen als „Verlobte“ mit ihren Treue-Gefühlen zu ihren festen Partnern und fühlen sich aber eigentlich hingerissen zu den attraktiven Arbeits-Kollegen des fremden türkischen Kultur-Kreises.

In der beschrifteten Filmhalle lässt der geniale Ausstatter Marko Japelje ein Tor in der Rückwand der Filmhalle auffahren und das Publikum schaut auf den Bosporus, auf dem zum Finale sogar ein einfahrendes Kreuzfahrtschiff anlegen kann, um die europäischen Gast-Darsteller „Belmonte“ und „Pedrillo“ mit ihren Partnerinnen abzuholen. Das türkische Flair wird sowohl durch Gebetsteppiche wie auch durch die wunderbaren arabisch angehauchten Kostüme ( Luca Dall `Alpi ) betont und besonders Konstanze und Blondchen scheinen ganz dem Zauber von „1001 Nacht“ verfallen zu sein: sie tragen auch privat gerne türkisch-glitzernde Kostüme und scheinen sich im Gast-Land als scheinbar „Gefangene“ wohl zu fühlen. Im Gegensatz zu den freien Europäerinnen sind die verschleierten Frauen des „Serail“ ganz in schwarze Burkas gehüllt und werden von den Wachen kontrolliert – da wirkt es befreiend, wenn ihnen „Blondchen“ als Zeichen der westlichen Emanzipation einmal den Schleier abnimmt und einer arabischen „Serail-Bewohnerin“ subtil den Lippenstift aufträgt.

Freimaurerische Elemente wie Zirkel und Winkelmass verwendet der Bassa zuerst während der Overtüre und legt sie während der Baumeister-Arie „Belmonte“ zum Test vor, den dieser jedoch hervorragend besteht: Er nimmt die Haltung eines „Suchenden“ ein und steht als dritte Säule in der leuchtenden Mitte. Die Gast-Light-Designerin Vesna Kolarec aus Zagreb tauchte die Bühne immer wieder in magisches Licht und konnte auch LichtSäulen für die Freimaurer-Arie zaubern. „Konstanze“ ist bei dieser schweren Arie, deren gefürchtete Koloraturen Martin Susnik spielend meisterte, anwesend und bekennt sich offensichtlich zu ihrer Liebe zu „Belmonte“.

Nicht nur stimmlich ist Martin Susnik einer der interessantesten Mozart-Tenöre zur Zeit, sondern auch darstellerisch und in der Text-Genauigkeit kann er die verschiedenen Entwicklungs-Schritte, die gerade „Belmonte“ durchläuft, glaubwürdig verkörpern. Seine Stimme berührt in ihrem klaren Ausdruck, die Koloraturen gelingen mühelos und Martin Susnik wurde nach seinen Arien mit Bravos bedacht. Er soll auch bereits in der „Zauberflöte“ in Maribor als „Tamino“ gefeiert worden sein und tritt regelmässig im nahen Italien auf. Von diesem Tenor wollen und werden wir sicherlich noch mehr hören.


Ein Geheimtipp scheint der bestechend schöne Koloratur-Sopran der sehr attraktiven jungen Nina Dominko als „Blondchen“ zu sein. Ihre Stimme trägt und durchläuft mühelos alle Klippen dieser Partie. Natürlich durften auch Video-Live-Übertragungen nicht fehlen und als ein Dreirad- Auto als Istanbuler Taxi auf die Bühne kommt, sind Lacher vorprogrammiert. „Konstanze“ wird vom Shopping zur Filmhalle zurückgefahren, wo sie wieder ihrem Kummer erliegt und ihre Arie mit einer tragischen Sonnenbrille singen muss, um offensichtlich Anti-Depressiva von Kollegin und Freundchen „Blondchen“ in der Garderobe gereicht zu bekommen. Beide Frauen machen ähnliches durch und verstehen einander. Wieder als Star-Sopranistin im türkischen klassischen Kostüm wirft dann „Konstanze“ ihre Shopping-Tüten sowie ihre Gefühle dem eifersüchtigen und sie bedrängendem Bassa-Darsteller vor die Füsse. Eine ähnlich emotial hoch aufgeladene Paar-Beziehung wie bei „Bassa“ und „Konstanze“ liegt auch zwischen „Osmin“ und „Blondchen“ vor, die sich immer abwechselnd einmal fetzend und dann wieder liebend in den Armen liegen.

Türkische Putzfrauen wie auch tanzende Flaschen am Filmset beim „VivatBacchus“ -Duett lassen schmunzeln und zeigen witzig die Hierarchie hinter der Bühne. Berger-Gorski und sein Ausstatter Marko Japelj lassen unter dem Regisseur „Bassa Selim“ im heutigen Istanbul spielen und im Finale werden die sozialen und finanziellen Unterschiede in der Bezahlung von europäischen und türkischen Mitarbeitern am Filmset deutlich: Osmin muss sich für seine Bezahlung in der türkischen Schlange anstellen, während Belmonte, Konstanze, Pedrillo und Blondchen mit ihren Schecks am fein gedeckten Premierentisch sitzen und mit ihren Roll-Koffern auf das Schiff warten, dass tatsächlich mit einer besteigbaren Reling einfährt. Während der Proben am Set stellen die europäischen Paare „Belmonte“ und „Konstanze“ genauso wie „Pedrillo“ und „Blondchen“ fest, dass ihre scheinbar harmonischen Paar-Beziehungen durch den Einfluss des charismatischen Darstellers des Regisseurs und „Bassa Selims“ in Personal-Union und durch den attraktiven türkischen Darsteller des „Osmin“ ins Wanken kommen. Blondchen erliegt genau wie das Publikum dem umwerfenden Charme des jungen slovenischen Bass-Baritons Tomaz Stular, der sich immer wieder den umgehängten Opern- Bauch des klassischen Osmin ablegt und als Latin-Lover mit behaarter Macho-Brust „Blondchen“ in der Garderobe verführt. Seine schöne, berührende Stimme sitzt wunderbar und wird technisch sauber geführt – er vereint intelligentes Spiel mit Charme und so überrascht es nicht, dass er mit seiner anziehenden Persönlichkeit am Ende „Blondchen“ so sehr verwirrt, dass sie im Finale anstatt Istanbul mit ihrem Verlobten „Pedrillo“ und den europäischen Kollegen zu verlassen, tatsächlich von der Reling zu den türkiischen Kollegen zurückläuft, um gemeinsam mit „Osmin“ eine türkische Verlobung am Film-Set zu feiern, während „Bassa Selim“ von der Beleuchterbrücke hinter Konstanze herschaut, die Istanbul mit „Belmonte“ und „Pedrillo“ Richtung Europa verlässt.


Blondchen und Osmin im Finale als Verlobungsfeier, im Hintergrund fahren Belmonte, Konstanze und Pedrillo nach Europa- Copyright: SND/ Tiberiu Marta

Durch das türkische Happy- End wirkt das gesamte Regie- Konzept eher wie eine Liebes-Erklärung an die islamische Welt, als eine Kritik an der arabischen Welt mit den brutalen Texten des Osmin, die normalerweise dazu verführen, die beiden Welten gegeneinander auszuspielen, als die gegenseitige Attraktivität zu betonen wie in Maribor. Diese Neu-Deutung überrascht zuerst, gibt aber Sinn und könnte eine neue Diskussion über weitere Interpretationen der „Entführung“ auslösen, in der bisher „Osmin“ leider häufig nur als brutaler Schlächter oder als Clown dargestellt wurde. Die Anreize der osmanischen Welt auf die euroäpischen Frauen, die in der Musik angedeutet werden, sind subtil herausgearbeitet und jeder begreift die inneren Kämpfe der beiden Frauen, die sich zu „Osmin“ und „Bassa“ hingezogen fühlen . „Osmin“ gewinnt zu Recht das Herz von Blondchen und das schlecht bezahlte türkische Personal scheint in seiner Lebensfreude das Leben zu geniessen, währed die gut bezahlten europäischen Kollegen emotional frustriert Instanbul gen Heimat verlassen. Konstanze reagiert sehr betroffen auf den Satz von Bassa Selim aus seinem BeleuchterTurm : „Mögen Sie es nie bereuen, mein Herz ausgeschlagen zu haben“.
Blondchen scheint dagegen von den Türken sowohl in Lebensfreude wie auch Herzensangelegenheiten gelernt zu haben.

„Die Entführung“ in Maribor wird noch am 19., 21., 23. und 25. Februar gespielt.

Sören Wicking

https://onlinemerker.com/maribor-slowenisches-nationaltheater-die-entfuehrung-aus-dem-serail-neuproduktion/

Director: Bruno Berger-Gorski

Bruno Berger-Gorski, Regisseur

Der Wahlwiener Bruno Berger-Gorski studierte an der Universität Wien Theaterwissenschaft, Musik¬wissenschaft und Kunstgeschichte. Er inszenierte auf vier Kontinenten mehr als 90 Musiktheaterwerke. In Europa u. a. Maria di Rohan Donizetti am Theater Aachen, La cenerentola an der Staatsoper Hamburg sowie Verdi-Werke in Meiningen, an der Oper Bonn usw. Zu seinen bekanntesten Inszenierungen gehören La bohème im Großen Festspielhaus in Salzburg, La forza del destino am Gran Teatre del Liceu in Barcelona, Tannhäuser in Oviedo, Don Giovanni in Lucca und in Bergamo, Macbeth in Brno und Norma am Nationaltheater Prag. Außerdem wurde Berger-Gorski zu Inszenierungen eingeladen am Alexandri Theater Helsinki (“Figaro”), von den Opernhäusern in Athen und Thessaloniki. Auch in Budapest und in Cluj/Rumänien sowie an der Vest-Norges Opera Bergen führte er regelmäßig Regie. Für die Opera Zuid in Maastricht inszenierte er La fille du régiment und zuletzt Die Zauberflöte. Außerhalb Europas führte er Regie in Buenos Aires (Der Rosenkavalier am Teatro Colon), Montevideo/Uruguay (L’elisir d’amore am Teatro Solis), Caracas/Venezuela (Lohengrin am Teresa Carreno), Seoul/Korea (Die Fledermaus am Seoul Arts-Center), am Amazonastheater in Manaus/Brasilien (Condor von C. Gomes und Norma), in Ashkelon/Israel (Samson et Dalila) und in Kazan/Tartastan (Il trovatore). Außerdem führte er Regie am Bellas Artes in Mexico-City (Rigoletto), in Asmara/Eritrea (Samson et Dalila). Von der Florida Grand Opera in Miami wurde er für “Zauberflöte”, von der Austin Lyric in USA für “Cav/Pag” eingeladen und in Mumbai/Indien inszenierte er Tosca mit Iano Tamar. Neben seiner Tätigkeit als Regisseur ist er immer wieder auch als Gast-Dozent an der Universität zu Köln, der Musikhochschule von Detmold, der Royal Academy in Kopenhagen, der Sibelius-Akademie in Helsinki, in Luxemburg und in Göteborg tätig. In seiner Wahlheimat Wien unterrichtete er zudem als Gast-Professor an der Universität für Musik und darstellende Kunst. Sein besonderes Interesse gilt zeitgenössischen Kompositionen und selten aufgeführten Opern. So inszenierte er u. a. Werke von Udo Zimmermann, Manfred Trojahn, Camille Kerger, Knut Vaage, Giselher Klebe und Tom Johnson. Insbesondere seine Uraufführungen von Dirk D’Ases Einstein am Ulmer Theater und die szenische Uraufführung von Adriana Hölszkys Trilogia in Bonn fanden überregionale Beachtung. Am Theater Trier inszenierte er Offenbachs Oper Die Rheinnixen, die im Jahrbuch der Fachzeitung “Opernwelt” als Wiederentdeckung des Jahres 2005 prämiert wurde. In der Spielzeit 2014 inszenierte er in der Jahrhunderthalle Wroclaw Macbeth mit Lucio Gallo, in Salzburg die Uraufführung der Kammeroper Liebesfluch von Kraus-Hübner und Otello mit R. D. Smith in Oviedo. Berger-Gorski bereitet für nächstes Jahr die zeitgenössische Oper Baruchs Schweigen von Ella Milch-Sheriff für Fürth/Deutschland vor.

O Mozartovem glasbenem svetovljanstvu in skladateljskem geniju ne priča zgolj dejstvo, da je ustvarjal zelo hitro in v tako rekoč vseh glasbenih zvrsteh svojega časa, med drugim tudi v tedaj vse bolj priljubljenem singspielu (spevoigri) v nemškem jeziku; Mozartov razsvetljeni kozmopolitski duh se še danes vedno znova razodeva v vsebinah, o katerih je pogumno “spregovoril” v svojih opernih delih. Singspiel Ugrabitev iz seraja (Die Entführung aus dem Serail) pri tem ni nobena izjema, saj gre za Mozartovo prvo delo za dunajsko publiko, v katerega je vnesel tudi nekaj tedaj “modernih” turških glasbenih prvin in je nastalo po Gottlieb Stephaniejevi predelavi Bretznerjevega libreta Belmont und Constanze. Zgodba o “drugi ugrabitvi” dveh žensk (Konstance in Blonde) iz turškega seraja Selima paše, ki jo želita izvesti njuna zaročenca, plemič Belmonte in njegov služabnik Pedrillo, na komični način prikazuje trk evropskega kulturnega relativizma z univerzalnimi vprašanji svobode, družbenih vlog, določenih s spolom, in ljubezni.

https://www.sng-mb.si/en/performances-opera-ballet/the-abduction-from-the-seraglio-/

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